Bremer Betroffenenbeirat Istanbul-Konvention

Den Bremer Betroffenenbeirat Istanbul-Konvention hat die Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz im Oktober 2021 einberufen.

Hier berichten wir Neuigkeiten zur Arbeit des Betroffenenbeirats, oder kurz: B*BIK. Unten stellen sich die Mitglieder des B*BIK persönlich vor.

Bremer Betroffenenbeirat Istanbul-Konvention feiert 1. Geburtstag

Vor ziemlich genau einem Jahr traf sich der Bremer Betroffenenbeirat Istanbul-Konvention – kurz B*BIK – zum ersten Mal. Der Bremer Betroffenenbeirat Istanbul-Konvention ist in der Bundesrepublik bisher einmalig und wird vom Bundesinnovationsprogramm des Bundesministeriums für Familie, Frauen und Jugend gefördert. Die zehn Mitglieder sind zwischen 25 und 67 Jahren alt und haben unterschiedlichste geschlechtsspezifische Gewaltformen erlebt, unter anderem im Kontext von sexueller und häuslicher Gewalt, digitaler Gewalt, Stalking, oder Zwangsprostitution. Nun kämpfen sie alle für ein Ziel: Frauen und Kinder vor Gewalt zu schützen.

Die Beweggründe, sich im B*BIK zu engagieren sind ebenso vielseitig, wie ihre Mitglieder selbst. „Als Opfer und Überlebende von geschlechtsspezifischer Gewalt ist es das, was mich am meisten dazu bewegt hat, bei B*BIK mitzumachen - eine Plattform zu haben, auf der ich mich nicht mehr aus Scham verstecken muss, um meinen Täter zu schützen“, sagt Nozibele vom B*BIK. Ihre Kollegin Isa ergänzt „Ich habe mich beim B*BIK beworben, um die Menschen mehr zu sensibilisieren und aufzuklären.“

Seit dem ersten Treffen im Oktober 2021 ist viel passiert. Die 10 Mitglieder des B*BIK haben sich im vergangenen Jahr sehr gut kennengelernt. „Ich war zunächst skeptisch, was die Zusammenarbeit des Betroffenenbeirats anging. Wir sind eine sehr vielfältige Gruppe, mit unterschiedlichen Charakteren und Meinungen, die sich auf eine Beschlusslage einigen muss. Mittlerweile weiß ich, dass unsere Diversität eine Chance und kein Hindernis ist. Wir zeichnen uns durch unsere Kompromissbereitschaft aus, die uns als Team nicht nur zusammenschweißt, sondern auch die besten Ergebnisse erzielen lässt“, sagt Michelle.

Was ist die Aufgabe des B*BIK?

Die Hauptaufgabe des Betroffenenbeirats ist die Bewertung der Maßnahmen, die im Bremer Landesaktionsplan „Istanbul-Konvention umsetzen – Frauen und Kinder vor Gewalt schützen“ festgeschrieben wurden. Dabei legt der B*BIK den Fokus darauf, wie zielgerichtet sich die 75 Maßnahmen an den Bedarfen der Gewaltbetroffenen orientieren, damit die Hilfe auch dort ankommt, wo sie benötigt wird. „Als sogenannte "Ausländerin" oder "afrikanische Immigrantin" finde ich es wichtig, eine Stimme zu haben, und durch diese Arbeit bin ich in der Lage, über den Kampf mit Sprachbarrieren zu sprechen, über Diskriminierung bei der Anzeige bei den Strafverfolgungsbehörden und darüber, was getan werden muss, um die Kluft zwischen Opfern und Polizei zu überbrücken“, sagt Nozibele. Darüber hinaus hat der B*BIK beim Runden Tisch zur geplanten Gewaltschutzambulanz am Klinikum Bremen-Mitte Anregungen vorgetragen, die ihnen aus Sicht der Betroffenen sehr wichtig sind: Runder Tisch Istanbul-Konvention tagt am 21. Juni 2022

„Mein Resümee der Arbeit des vergangenen Jahres bezieht sich auf die institutionelle Anbindung des B*BIKs an eine Behörde. Dies ermöglicht dem B*BIK als politische Instanz zu agieren und stellt der Arbeit wichtige Ressourcen zur Verfügung. Gleichzeitig bestehen dadurch spürbare Hierarchien und es kann zu Interessenskonflikten kommen. Ich freue mich auf die noch kommende Phase und bin zuversichtlich, dass wir in diesem Spannungsfeld mit emanzipatorischen Lösungen, auch im Interesse der Behörde, begegnen können“, sagt Jule.

Es gibt noch viel zu tun und der B*BIK hat große Pläne. „Wir haben gemeinsam für die Zukunft noch viel anzupacken und umzusetzen. Auch die Präsenz in der Öffentlichkeit ist noch ganz am Anfang“, sagt Elisabeth. Allerdings haben die Mitglieder des B*BIK auch hier schon vorgelegt und sind nun in den sozialen Netzwerken Instagram und Twitter aktiv (Instagram B*BIK). Wenn Sie keine Infos rund um den B*BIK mehr verpassen wollen, dann sollten Sie die Kanäle abonnieren (Anm. d. Red.).

„Nach einem Jahr Arbeit im B*BIK können wir auf die letzten 12 Monate zurückblicken und feststellen, dass merkbare Systemveränderung lange dauert und nur zäh vorangeht. Wir können aber mit Stolz sagen, dass wir trotz unserer unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensumstände in dieser Zeit produktiv und konstruktiv miteinander arbeiten konnten“, sagt Janne und Medine schließt mit den Worten „Es war ein sehr anstrengendes, aufregendes und interessantes Jahr, das wir hinter uns gelassen haben. Ich würde es auch als ein sehr erfolgreiches Jahr bezeichnen. Nichtsdestotrotz liegt noch ein sehr schwieriger und holpriger Weg vor uns“.

Die Arbeit ist also noch lange nicht beendet und die 10 Mitglieder des B*BIK freuen sich auf die kommenden Projekte. Durch die Teilnahme an Fachtagen und bei Runden Tischen zu einzelnen Themen des Bremer Landesaktionsplans kann sich der B*BIK immer wieder positionieren. Durch die Verstetigung dieses Modellprojekts auf Landesebene kann der Bremer Betroffenenbeirat für die nächsten drei Jahre weiter finanziert werden und durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit, die sowohl der Betroffenenbeirat als auch die Stabsstelle Frauen bei der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz leistet, wird das Projekt hoffentlich auch in den anderen Bundesländern bald Nachahmer finden: denn es ist immer besser miteinander zu reden, als über gewaltbetroffene Frauen*.

Das sagen die Mitglieder des Betroffenenbeirats nach einem Jahr Zusammenarbeit

Janne: „Nach einem Jahr Arbeit im B*BIK können wir auf die letzten 12 Monate zurückblicken und feststellen, dass merkbare Systemveränderung lange dauert und nur zäh vorangeht. Wir können aber mit Stolz sagen, dass wir trotz unserer unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensumstände in dieser Zeit produktiv und konstruktiv miteinander arbeiten konnten.“

Medine: "Es war ein sehr anstrengendes, aufregendes und interessantes Jahr, das wir hinter uns gelassen haben. Ich würde es auch als ein sehr erfolgreiches Jahr bezeichnen. Wir haben unseren Kommentar zum Landesaktionsplan Istanbul-Konvention und unsere Erweiterung zu den Gewaltschutzambulanzen geschrieben und beim runden Tisch vorgetragen. Außerdem haben wir ein Selbstverständnis zum B*BIK geschrieben. Nichtsdestotrotz liegt noch ein sehr schwieriger und holpriger Weg vor uns."

Elisabeth: "Überraschend war für mich, dass sich der B*BIK aus sehr vielfältig, von unterschiedlicher Gewalt Betroffenen, zusammengefunden hat. Diese Zusammensetzung ermöglicht eine breite Vielfältigkeit und Herangehensweise an die vorkommenden Probleme, verbunden mit guten Ideen. Innerhalb des ersten Jahres unserer Tätigkeit fanden die B*BIK Mitglieder immer mehr zueinander, zumal für diese Arbeit eine intensive Vertrauensbasis gegeben sein muss.Schade ist, dass unsere Arbeit weniger praxisorientiert angelegt ist. Die Arbeit orientiert sich am LAP und dessen politischer Umsetzung. Wir haben gemeinsam für die Zukunft noch viel anzupacken und umzusetzen. Auch die Präsenz in der Öffentlichkeit ist noch ganz am Anfang."

Michelle: "Ich war zunächst skeptisch, was die Zusammenarbeit des Betroffenenbeirats anging. Wir sind eine sehr vielfältige Gruppe, mit unterschiedlichen Charakteren und Meinungen, die sich auf eine Beschlusslage einigen muss. Mittlerweile weiß ich, dass unsere Diversität eine Chance und kein Hindernis ist. Wir zeichnen uns durch unsere Kompromissbereitschaft aus, die uns als Team nicht nur zusammenschweißt, sondern auch die besten Ergebnisse erzielen lässt. Durch Weitsicht und Vorschläge, die alle Gruppen von Frauen* und Mädchen* in ihrer Diversität gleichmäßig adressieren. Ich freue mich auf die weiteren gemeinsamen Jahre."

Nozibele: "Als Opfer und Überlebende von geschlechtsspezifischer Gewalt ist es das, was mich am meisten dazu bewegt hat, bei B*BIK mitzumachen - eine Plattform zu haben, auf der ich mich nicht mehr aus Scham verstecken muss, um meinen Missbraucher zu schützen. Als sogenannte "Ausländerin" oder "afrikanische Immigrantin" finde ich es wichtig, eine Stimme zu haben, und durch diese Plattform (bei B*BIK) war ich in der Lage, über den Kampf mit Sprachbarrieren zu sprechen, über Diskriminierung bei der Anzeige bei den Strafverfolgungsbehörden und darüber, was getan werden muss, um die Kluft zwischen Opfern und Polizei zu überbrücken."

Jule: "Nach einem Jahr Arbeit im B*BIK ist es möglich ein erstes Resümee zu ziehen; meines bezieht sich auf die institutionelle Anbindung des B*BIKs an eine Behörde, dies ermöglicht dem B*BIK als politische Instanz zu agieren und stellt der Arbeit wichtige Ressourcen zur Verfügung, gleichzeitig bestehen dadurch spürbare Hierarchien und es kann zu Interessenskonflikten kommen, ich freue mich auf die noch kommende Phase und bin zuversichtlich, dass wir diesem Spannungsfeld mit emanzipatorischen Lösungen, auch im Interesse der Behörde, begegnen können."

Isa: "Ich habe mich beim B*BIK beworben, um die Menschen mehr zu sensibilisieren und aufzuklären. Unser Kommentar zum Landesaktionsplan haben wir etwas geschafft, auf das ich stolz bin. Die Sicht von Betroffenen wird endlich wahrgenommen."

Der Betroffenenbeirat äußert sich hier zu aktuellen Themen

Bremer Betroffenenbeirat nimmt am Runden Tisch Istanbul-Konvention teil

Am 21. Juni tagte der Runde Tisch Istanbul-Konvention, den die Landeskoordinierungsstelle Istanbul-Konvention im Land Bremen jährlich einberuft. Das Gremium setzt sich aus Vertreter:innen der Fraueninfrastruktur, dem Schutz- und Hilfesystem, Präventions- und Fachberatungsstellen, Vertreter:innen der Landesregierung und zugehöriger Ämter, den Gleichstellungspolitischen Sprecherinnen, der ZGF und dem BIK zusammen. 

Der BIK entsandte vier Vertreterinnen an den Runden Tisch und nahm Stellung zu den dort vorgestellten aktuellen Maßnahmen aus dem Landesaktionsplan sowie zum Themenschwerpunkt Gewaltschutzambulanz - die Kommentare stehen hier zum Download bereit. 

Mehr zum Runden Tisch unter der Rubrik "Bremen setzt um". 

BIK Kommentare zum Download:
Download BIK Kommentar zum Bremer Landesaktionsplan
Download BIK Kommentar zur geplanten Gewaltschutzambulanz in Bremen

Bremer Betroffenenbeirat Istanbul-Konvention nimmt Arbeit auf

Die Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz Claudia Bernhard hat nach einem öffentlichen Ausschreibungsverfahren im Oktober 2021 den Betroffenenbeirat zur Umsetzung der Istanbul-Konvention einberufen.

Bremen nimmt damit eine bundesweite Vorreiterrolle ein: Als erstes Bundesland bezieht Bremen systematisch und strukturiert die Perspektive Betroffener in die Umsetzung der Istanbul-Konvention mit ein. Das Projekt wird gefördert durch das Bundesinnovationsprogramm des Bundesministeriums für Familie, Frauen und Jugend.

Der Betroffenenbeirat Istanbul-Konvention besteht aus zehn Mitgliedern, die aus verschiedenen Altersgruppen kommen und unterschiedlichste Gewaltformen erlebt haben. Die Gewalterfahrung sind u.a. im Kontext von sexueller und häuslicher Gewalt, digitaler Gewalt, Stalking, oder Zwangsprostitution gemacht worden. Die Hauptaufgabe des Betroffenenbeirats ist die Bewertung der Umsetzung des Landesaktionsplans Istanbul-Konvention. „Wir werden die Empfehlungen des Betroffenenbeirats zu jedem Bericht über den aktuellen Stand der Umsetzung der Istanbul-Konvention hören und einbeziehen. Somit gelangen die Stimmen der Betroffenen direkt in den Senat und in die Bremische Bürgerschaft.“ so Frauensenatorin Claudia Bernhard.

Landesfrauenbeauftragte Bettina Wilhelm, deren Behörde ZGF gemeinsam mit der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz die Umsetzung der Istanbul-Konvention in Bremen verantwortet, ergänzt: „Es ist wichtig, nicht nur über, sondern vor allem mit den Betroffenen zu sprechen, ihre Erfahrungen und Bedarfe zu hören und einzubinden in den Landesaktionsplan. Die Einbindung seiner Perspektive wird dazu beitragen, die Maßnahmen im Landesaktionsplan zu schärfen und nachhaltig auszurichten.“

Mitglieder des Betroffenenbeirates:

Elisabeth Sonnemann

Jahrgang 1955, Speditionskauffrau im Ruhestand
Gewalt an Frauen ist still, deren Kinder leiden still.
Gewalt an Frauen ist laut, deren Kinder leiden laut.
Viele hören hin, bleiben aber lieber still.

„Durch die Einbindung eines Betroffenenbeirates zur Entwicklung eines Landesaktionsplanes zur Umsetzung der Istanbul-Konvention kann und möchte ich meine Erfahrungen, wie z.B. mit Schwachstellen und Lücken im bestehenden Hilfesystem, einbringen und daran mitarbeiten, dass Frauen und Mädchen in Notsituationen die bestmögliche Unterstützung und Hilfe erfahren.

Bei meiner Arbeit möchte ich die Kinder und deren Schutzbedürftigkeit in den Fokus rücken. Wichtig in diesem Zusammenhang sind mir die Erarbeitung und die Erweiterung von Präventionsmaßnahmen sowie Hilfsmöglichkeiten. Ein weiteres Anliegen zum Thema „Gewalt an Frauen“ ist mir Sensibilisierung und Networking: Sensibilisierung - über die involvierten Behörden und Institutionen hinaus - weiterer gesellschaftlicher Bereiche. Netzwerke ausbauen und neue schaffen.“

Janne

nichtbinär, geb. in Bremen

In Kindheit und Jugend mit häuslicher Gewalt aufgewachsen und aufgrund diverser Gewalterfahrungen bis ins Erwachsenenalter seit dem Schulabschluss arbeitsunfähig und mittlerweile in Erwerbsminderungsrente.

„Wir dürfen nicht vergessen, dass aus traumatisierten Kindern irgendwann traumatisierte Erwachsene werden. Therapeutische Einrichtungen sind oft nicht ausreichend über die Symptome von komplexen Traumafolgen geschult und Fehldiagnosen über viele Jahre hinweg zu oft Realität. Insbesondere wenn die Gewalt nie aktenkundig geworden ist, ist es kaum möglich, adäquate Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zudem fallen mehrfachmarginalisierte wie geistig, seelisch und körperlich behinderte, geflüchtete, trans, wohnungslose oder suchtkranke Frauen* (und Personen, die als solche wahrgenommen werden) regelmäßig durchs Raster, auch weil die meisten Angebote die Überschneidungen dieser Marginalisierungen nicht mitdenken. Das Gefälle, das hierdurch in Bezug auf finanzielle Mittel, Bildung und Selbstständigkeit entsteht, muss aufgelöst und Hilfestellung in vielerlei Hinsicht neu gedacht werden. Dafür setze ich mich im BIK ein."

 

Jessica Gerkens

Jahrgang 1983, Bremerhaven

Mutter von 3 Kindern. Gelernte Kauffrau für Spedition- und Logistikdienstleistung, glücklich in der Buchhaltung. Bereits mehrfach in anderen Bereichen ehrenamtlich tätig. Betroffene von häuslicher (psychisch) und sexualisierter Gewalt. Stalking Opfer.

„Jeden Tag werden Frauen und Mädchen Opfer von Gewalt und das oft über Jahre hinweg. Um sich daraus zu befreien, braucht es ein großes Netz aus Hilfen und Unterstützungen und das über Jahre hinweg. Dieses Netz ist in unserer Gesellschaft nur unzureichend vorhanden und muss dringend ausgeweitet werden. Die vorhandenen Hilfestrukturen müssen niedrigschwellig allen Betroffenen zugänglich und öffentlich bekannt sein. Ich bin eine Überlebende der Gewalt, die viel zu oft mit dieser unzureichenden Hilfe umgehen musste. Bis heute holt mich das immer wieder ein und steht mir mit nachweisbaren Einschränkungen, die mich für immer begleiten werden, im Weg. So geht es zu vielen von uns! Im Betroffenenbeirat kann ich meine „Erfahrungen“ positiv nutzen, sie einsetzen, damit sich das Netz bei Frauen und Mädchen schneller aufspannt und sie in ein gewaltfreies, selbstbestimmtes Leben begleitet. Denn das steht uns allen zu!“

Jule Bosak

geb. 1995, Hildesheim

Feministische Aktivistin, Studentin der Sozialen Arbeit, Gleichstellungs-beauftragte, tätig in der Jugendhilfe (Mutter-Kind-Wohngruppe). Aktuelle Forschungstätigkeit zum Thema psychische Erkrankung bei Frauen als Behinderung der reproduktiven Selbstbestimmung. Konzeptionierung von FLINTA-Spaces und Awarenesskonzepten, Unterstützung von Betroffenen.

„ Eine Erinnerung: Ich entwickelte mich innerhalb eines Jahres von einem annähernd geschlechtslosen Kind, zu einem Sexualobjekt, als mir die Pubertät zwischen meinem 13. und 14. Lebensjahr die Unsichtbarkeit nahm und Brüste gab.
Die sexualisierte Gewalt, die ich während meiner Schulzeit erlebte, hat den Grundstein für meine Behinderung und für mein feministisches Engagement gelegt. Seit ich mit 18 Jahren mein Abitur erlangt habe, und die Schulzeit überlebte, war mir bewusst, ich werde etwas an den sexistischen und patriarchalen Umständen meiner Gesellschaft verändern. Die Arbeit im Betroffenenbeirat ist ein wichtiger Schritt auf einem langen Weg zu diesem Ziel.“

Julia (Wiesel) Achenbach

Jahrgang 1985

Überlebende von sexualisierter Gewalt in der Kindheit und anderen Formen der Gewalt.

„Das Thema (sexualisierte) Gewalt, insbesondere im sozialen Nahbereich und in der Familie, ist immer noch ein Tabuthema. Dies muss sich grundlegend ändern. Laut aktuellen Statistiken nehmen die Übergriffe, beziehungsweise jene, die zur Anzeige gebracht werden, auf Frauen und Kinder immer weiter zu; ganz zu „schweigen“ von der dazugehörigen hohen Dunkelziffer. Kommen solche Fälle ans Tageslicht, wird oft den Täter*innen und den Angehörigen der Betroffenen mehr Aufmerksamkeit gewidmet als den Betroffenen selbst. Das Umfeld leugnet und bietet zumeist den Betroffenen wenig Unterstützung, was nicht selten zu schweren Verlaufsformen einer (komplexen) Posttraumatischen Belastungsstörung oder anderen schweren psychischen Erkrankungen führt. Dringend erforderlich sind deshalb wesentlich leichter zugängliche und engmaschigere Hilfsangebote und psychosoziale Versorgung für Betroffene, da ansonsten wie so oft die Betroffenen und insbesondere Kinder auf der Strecke bleiben; sie es folglich „ausbaden“ müssen, was andere ihnen angetan haben.
Wir brauchen einen öffentlichen Diskurs, damit Ursachen, Folgen und das Ausmaß von sexualisierter Gewalt enttabuisiert wird. Dafür setze ich mich im Betroffenenbeirat ein.“

Maria

1984 geboren in Rumänien. Seit 2013 in Bremen. Integrationsweg bis 2015.
Mittlerer Schulabschluss 2018.
Soziale Arbeit und Sprachunterstützung für Obdachlose bei der „Zeitschrift der Straße“
Noch nicht abgeschlossene pädagogische Ausbildung zur Erzieherin.
Tagesgruppenarbeit in einer Einrichtung für mehrfach behinderte Menschen.

„Der Schutz von Frauen jeden Alters muss dort ansetzen wo die Probleme entstehen…
beim Mann!“

Medine Yildiz

Feministin und Kämpferin, 1962 in Ostanatolien geboren und in einer Alevitischen Familie mit 10 Geschwistern in sehr armen Verhältnissen aufgewachsen.


Als Kind musste ich schon meine Mutter vor häuslicher Gewalt schützen. In sehr jungem Alter war ich bereits politisch als Frauenrechtlerin engagiert. Seit 1986 lebe ich in Bremen. Als Aktivistin setze ich mich in vielen Bewegungen aktiv für Menschenrechte ein. Unter Anderem war ich von 2017 bis 2021 Frauenpolitische Sprecherin im Landesvorstand DIE LINKE und habe DIE LINKE im Vorstand des Landesfrauenrates Bremen vertreten.


„Ich engagiere mich im Betroffenenbeirat, da ich der Meinung bin, dass es zum Thema Gewalt gegen Frauen offensichtlich eines Paradigmenwechsels in der Gesellschaft bedarf und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit. Als Pionierin möchte ich dazu beitragen, dass von Gewalt Betroffene ihr Schweigen beenden können. Ich möchte gemeinsam mit anderen Betroffenen Perspektiven entwickeln, um die patriarchale Gewalt zu bekämpfen. Außerdem möchte ich als persönlich Betroffene und überzeugte Feministin mitreden und sichtbar sein. Als Frau sichtbar zu sein heißt Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Meine Generation hat viel Gewalt erlebt. Ich möchte, dass wir unseren Kindern und Kindeskindern eine bessere, gewaltfreie Welt hinterlassen.“

Michelle Woelke

25 Jahre, angehende Politologin.

Neben meinem Studium bin ich als Kreisvorsitzende der Freien Demokraten Bremen-Nord und als Mitglied des Landesvorstands politisch tätig. Als Jugendliche war ich sexualisierter und digitaler Gewalt ausgesetzt.

„Ich engagiere mich im Betroffenenbeirat, da er als Instrument zur Umsetzung der Istanbul-Konvention eine einmalige partizipative Perspektive eröffnet. Geschlechtsspezifische Gewalt ist eine Menschenrechtsverletzung, die wir in unserer liberalen Gesellschaft nicht tolerieren dürfen. Umso wichtiger ist es, der Stigmatisierung von häuslicher und sexualisierter Gewalt entgegenzuwirken und die Enttabuisierung voranzutreiben. Statt über die Betroffenen zu sprechen, gibt der BIK diesen eine Stimme und wird somit weitere Personen durch konkrete Maßnahmen im Landesaktionsplan dazu ermutigen, für ihre Rechte einzustehen.“

Nozibele Meindl

43 Jahre, bildende Künstlerin, geboren in Südafrika.

Seit 12 Jahren lebe ich in Deutschland. Ich studiere Kunst und Kultur im letzten Semester meines BA-Studiums an der University of South Africa. Ich betrachte mich als Aktivistin und bin Überlebende von geschlechtsspezifischer Gewalt, die ich von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter erlebt habe. Ich nutze meine künstlerische Arbeit als Medium und Katalysator für Veränderungen – als eine Stimme, die geschlechtsspezifische Gewalt und Diskriminierung frontal anspricht, um ein Gefühl der Dringlichkeit zu vermitteln, zum Handeln zu ermutigen, und um weiterer Gewalt vorzubeugen.

„Patriarchale Gesellschaften betrachten jede Form von Gewalt und Diskriminierung als Privatsache, die innerhalb von Familien verborgen gehalten wird. Diese Machtstrukturen fördern die männliche Dominanz, die Kultur der öffentlichen Untätigkeit, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, den Mangel an Empathie und die mangelnde Bereitschaft, sich in "private Angelegenheiten" einzumischen. Um für Opfer, die mit Sprachbarrieren zu kämpfen haben, sichere Unterstützungsstrukturen zu schaffen, ist es unbedingt erforderlich, dass Mitarbeiter*innen von Erstkontaktstellen, wie z. B. bei der Polizei, sensibilisiert und qualifiziert sind. Bisher gibt es kaum Unterstützungsangebote, bei denen Frauen mit Sprachbarrieren, die Möglichkeit erhalten, ihre Gewalterfahrungen in ihrer Muttersprache offenzulegen, noch werden sie über ihre Rechte informiert, weil sie keinen Zugang zu diesen Informationen haben. Ich engagiere mich im Betroffenenbeirat Istanbul-Konvention, um dazu beizutragen, dass die Rechte aller Frauen auf Leben, Information, Freiheit und Sicherheit geschützt werden.”

Tina Kammann

35 Jahre, wohnhaft in Bremen, Hausfrau und 4-fache Mutter, Betroffene von häuslicher Gewalt.

„Ich fühlte mich nach der Trennung, wie ein Puzzle. Jedes Teil musste mühsam unter großer Kraftanstrengung wieder an seinen Platz gesetzt werden. Ohne Hilfe und Unterstützung wäre dieser Weg nicht möglich gewesen mit meinen vier Kindern. Frauen und ihre Kinder brauchen viel Unterstützung dabei, ohne danach betteln zu müssen – das zu optimieren, ist mein Anliegen und meine Motivation im BIK!“